Der digitale Takt

Bild: Riesige Uhr

Heute sind wir dank unserer portablen Mediengeräte rund um die Uhr mit Inhalten beschäftigt: News, Games, Videos; auch Verbindungen werden online gemanagt. Das geht nicht spurlos an unserem Bewusstsein vorüber. Die Geschwindigkeit dieser täglichen Abläufe entwickelt sich schleichend in unserem Bewusstsein als Taktgeber.


Das Leben ist heutzutage straff durchgetaktet. Eile und Termindruck sind an der Tagesordnung. Man versucht mitzuhalten und gerät in einen Dauerzustand der Beschleunigung. Doch womit versuchen wir mitzuhalten?

Unser Bewusstsein wird maßgeblich durch die Medien beeinflusst. Und das nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten. Meine Generation wurde durch das TV geprägt. Heute ist mir klar, dass bestimmte Szenarien, Inhaltsstrukturen und Charaktere aus Filmen und Serien meine Wirklichkeit zu infiltrieren begannen. Als junger Mensch ahmt man vieles nach, ohne zu überlegen. Äußeres, aber auch Inneres, wie Verhaltensweisen, werden dann gern ins eigene Leben integriert.

Heute sind wir rund um die Uhr mittendrin in den Medien, interagieren durch sie mit der Welt. Das formt unser Bewusstsein. Die Geschwindigkeit dieser Medien gibt dabei immer mehr den Takt vor – ein Takt, der mental und physisch herausfordernd ist. Die gesamten Auswirkungen werden wir wohl erst im Nachhinein erkennen. Doch auffallend ist die Unruhe und Hektik.

Unser Bewusstsein passt sich dem digitalem Rhythmus an

Inzwischen ist man es derart gewohnt, dass Antworten und Ergebnisse im Nu da sind, dass man bei jeder Verzögerung den Eindruck hat, etwas läuft völlig falsch. Warten wird immer inakzeptabler. Wie ein Fehler in der Matrix. Und bestimmte Dinge, wie z.B. lange Texte oder gar Bücher lesen, fallen gleich mit in dieses Raster hinein. Die Aufmerksamkeitsspanne wird durch den täglichen Gebrauch digitaler Geräte auf Kurzzeit trainiert. Das lange Ausfabulieren von Begebenheiten wird im wahrsten Sinne des Wortes immer anachronistischer, d.h. dem (aktuellen) Zeitgeist entgegengesetzt.

Unser Zeitempfinden gleicht sich den Dingen an, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind: den Geräten, die uns morgens wecken, uns mit Menschen verbinden, uns informieren und zu einem immer größeren Anteil unsere Arbeit darstellen. Alles, was aus diesem Takt-Raster herausfällt, entschwindet unserer Aufmerksamkeit mehr und mehr. Wir gleichen uns somit diesem neuen Rhythmus an – aber es hat einen Preis. In unserem Bewusstsein scheinen immer größere Lücken zu entstehen, eine immer stärkere Fragmentierung findet statt. Kontinuität, die Perspektive auf das große Ganze: Fehlanzeige.

Können wir noch mit Stille umgehen?

Wie immer findet auch eine Gegenbewegung statt. Viele schätzen die Ruhe heute mehr denn je, als Entspannung, als Gegenpol, als heilsamen Impuls. Mit zu viel Muße und Stillstand wird es allerdings für so manchen schnell herausfordernd. Und wenn es darum geht, innerlich für längere Zeit still zu werden, finden sich offenbar nur wenige Menschen auf der Erde, die dies können. Ein Grund mehr, diese Fähigkeiten (wieder) zu erlernen!

Bevor wir ganz vom unendlichen Flow äußeren Inputs absorbiert werden und die Stille scheuen wir der Vampir die Sonne, sollten wir lernen, bei uns zu bleiben oder zumindest zu uns zurückzukommen – so oft wie möglich in der Woche, am Tag, in der Stunde. Wir sollten unser Update im Hier und Jetzt machen. Ansonsten bekommen wir unser Leben gar nicht mehr mit.

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