Zeit zu haben

Pärchen relaxt

Heutzutage Zeit zu haben, ist kein Luxus mehr – es scheint eine Situation geworden zu sein, die niemand mehr erstrebt. Tut sich unerwartet ein Zeitfenster auf, wird ziemlich bald zum Smartphone gegriffen und … vergessen, dass eben noch Zeit da war.


„Zeit ist Leben“, sagt Momo

Es scheint vielen eher unangenehm geworden zu sein, Zeit zu haben. Eine Freundin, die letztes Jahr arbeitslos war, meinte zu mir, dass es sehr enervierend sei, dass alle um sie herum Beschäftigungen hätten, während sie nichts mit sich anzufangen wisse. Dass es ihr fast peinlich sei, für Verabredungen eigentlich immer Zeit zu haben. Es wirke so „uncool“. Ein voller Terminkalender bedeutet eben Wichtigkeit. Und Wichtigkeit ist im Zeitalter von Selfie-Wahn und Youtube-Präsenz einfach … wichtig.

Aber was, wenn wir einfach mal ein Zeitfenster, das sich öffnet, wahrnehmen, innehalten und spüren, wie sich unser Innerstes überhaupt noch anfühlt? Natürlich können dann Sachen „hochkommen“. Aber immer alles verdrängen, macht nicht nur schlechte Laune, sondern auf Dauer richtig unglücklich. “Kaum etwas kostet so viel psychische Kraft wie Verdrängung”, sagt der französische Psychiater Dr. Daniel Dufour.

Nehmen wir das Vorbeirauschen noch wahr?

Es ist doch sonst, als lebten wir nur halb. Begebenheiten rauschen an uns vorbei, Dinge passieren so schnell, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Und wenn etwas nur langsam vorankommt, suchen wir frenetisch nach Ablenkung. Als könnten wir nicht mal ein paar Minuten mit uns selbst alleine sein. Als hätten wir uns von diesem natürlichen Zustand, wie ihn Tiere noch aufweisen, völlig entfernt. Einfach den lieben Tag lang nur rumliegen, dösen, in den Himmel schauen und vielleicht noch etwas spielen – wer macht, wer kann das heute noch?

Wenn wir die zeitlose Zeit, die Lücke, die Stille immer mehr aus unserem Leben verbannen, um cool zu wirken und wichtig zu sein, könnte uns das Leben selbst klammheimlich abhanden kommen. Dann sind wir nur noch eine Erscheinung in sozialen Netzwerken, eine flüchtige Bekanntschaft in der Nachbarschaft, eine Persona statt eine Person. Wir sind dann Bestandteil eines Netzes und scheinbar nicht allein. Von uns selbst sind wir jedoch weiter entfernt, als wir ahnen.

„Zeit ist Leben“, sagt Momo, die Protagonistin aus dem gleichnamigen Buch von Michael Ende, „und das Leben wohnt im Herzen.“ Je mehr die Menschen an Zeit sparen, desto weniger haben sie – weniger Zeit, weniger Leben!

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