Keine Eile

Bild: Slow-Down-SchildEile und Hektik scheinen in unserer modernen Welt zum Alltag zu gehören. Sie lassen uns sogar wichtig und gefragt wirken. Aber müssen wir wirklich hektisch werden, wenn die Zeit knapp wird. Bringt das was? Und tut es gut?


„Ein Krieger ist nie in Eile“, las ich einmal in einem Buch von Carlos Castaneda. Neben all den gewichtigen Ratschlägen wie: „Geh den Weg mit Herz“ oder „Nimm den Tod als Ratgeber“ kam mir diese Phrase zur Eile eher banal vor. Gleichzeitig fand ich sie schwer umzusetzen in einer Zeit, wo Deadlines (allein das Wort!) und Termine alles bestimmen.

Doch der Satz schwirrte immer wieder in meinem Kopf herum. Besonders, wenn ich in Eile geriet. Daher versuche ich jetzt zunehmend, mich bei Hektik zu bremsen. Der Moment des Erkennens, dass ich zu hastig werde, ist dabei das Wichtigste. Wenn dieses Erkennen in all der Hektik, die ja eher unbewusst macht, auftritt, halte ich kurz inne, achte auf die Atmung (die in dem Moment meist superflach ist) und mache dann zwar zügig, aber ruhiger weiter.

Stress und Hektik verbrauchen ultraviel Energie

Auch wenn das hektische Tätig-Sein so einen Hauch von Coolness hat (ich sehe da diverse Filmszenen vor mir, in denen vielbeschäftigte, von allen Seiten gefragte Menschen multitasken, wobei sie ganz wichtig und gleichzeitig so sympathisch fahrig rüberkommen), ist es doch schlecht für unser Nervenkostüm und das Herz-Kreislauf-System.

Bei Stress reagieren alle wichtigen Drüsen im Gehirn: die Amygdala, der Hypothalamus und die Hypophyse. Die Nebenniere beginnt Adrenalin und Noradrenalin freizusetzen. Diese und weitere Hormone wie Cortisol aktivieren die Systeme im Körper, um eine Kampf- oder Flucht-Reaktion zu ermöglichen. Der Blutdruck steigt, der Puls wird rascher, das Blut strömt in die Muskulatur für die entsprechenden Organe. Verdauung und Schmerzempfindlichkeit werden herabgesetzt. Das alles sind Höchstleistungen. Unser Körper verbraucht ultraviel Energie.

Wir können diese Reaktionen kaum abschalten. Sie laufen blitzschnell und instinktiv ab. Am besten ist also, entgegenzuwirken, bevor wir drinstecken in der Stressfalle. Bevor wir in Schnappatmung verfallen und Gefahr laufen, dass zu viel Schusseligkeit noch zu kleineren oder größeren Malheuren führt. Der beste Ansatzpunkt ist, zu erkennen, wenn wir gerade beginnen, zu „hekten“. Wenn ein Blick auf die Uhr schon den Puls hochfahren lassen will, DANN sollte man kurz innehalten und tief durchatmen.

Der entscheidende Moment; slow down

Dieser Moment des Erkennens ist zugegebenermaßen nicht leicht zu „fassen“. Irgendwie nimmt man sich zwar vor, beim nächsten Mal bewusster vorzugehen, aber das Ganze in die Tat umzusetzen ist – wie so oft bei Vorsätzen – leicht gesagt als getan. Meiner Meinung nach ist hier das beste Hilfsmittel die Verlangsamung. Will man bewusster werden, muss man genauer „hinschauen“ und dafür braucht man einfach mehr Zeit. Ansonsten kommt man nicht richtig zwischen die routiniert ablaufenden Gedankenketten, die unseren Alltag kontinuierlich begleiten.

Surprise: Man braucht in beiden Fällen gleich viel Zeit

Das Interessante: Beim abschließenden Blick auf die Uhr stelle ich fast immer fest, dass ich durch mein Abbremsen trotzdem nicht mehr Zeit gebraucht habe. Wahrscheinlich, weil ich mit etwas mehr Ruhe weniger unbewusst bin – und so auch nichts hinfällt, umkippt, vergessen wird etc.

Es macht also Sinn, „nie in Eile zu sein“. Es bedeutet Lebensqualität. Es bedeutet Im-Jetzt-Sein, egal, was der Kopf sich für Szenarien ausmalt. Ich bin bei der Sache und merke, was vorgeht. So vergesse ich weniger und komme ruhiger am Ziel an. Und das kann am Ende einen großen Unterschied machen.

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