Der Traum der Eule

In der Erzählung „Der Traum der Eule“, die ich 2008 zum ersten Mal (unter dem Namen Lilly Kanexo) veröffentlichte, geht es um eine Eule, die sehr seltsame Ding erlebt.

Wundersam mysteriöse, aber auch schreckliche Dinge geschehen in ihrer kleinen großen Welt der Bäume und Lüfte. Im Traum enthüllt sich ihr eine ganz neue Dimension – bis über Leben und Tod hinaus. Ola muss durch Verwirrung und Trauer gehen, doch am Ende ist sie eine wahrhaft weise Eule geworden.

Lest hier exklusiv die Erzählung von Ola:

Zeichnung Ola fliegt

I

Hoch über der Stadt auf einer rundlichen Bergkuppe steht eine alte verfallene Burg. Man sagt, sie gehörte einst den Gründern dieser Stadt. Aber jetzt gehört sie nur noch den Sträuchern und Bäumen, die das Gemäuer in den vielen Jahren erobert haben. Und natürlich den Tieren, die sich zwischen, unter, über, neben den Steinen der verwitternden Mauern ein Zuhause eingerichtet haben.

Direkt neben der Burg steht eine uralte Buche. Sie ist so alt wie die Burg selbst. Sie hat alles miterlebt, was auf diesem Berg geschehen ist. All die Jahre hat sie dort gestanden und bezeugt, wie die Geschichten um die Burg ihren Lauf nahmen. Ganz langsam ist sie dabei gewachsen und letztendlich zu einer stattlichen Riesin geworden.

Wind, Stürme, Kanonenkugeln und Menschenhände konnten ihr nichts anhaben. Nur der eine, ihr größter Feind, hatte sie vor vielen Jahren so getroffen, dass ihr Stamm gespalten wurde und seitdem zwei Buchen aus einer Wurzel zu wachsen scheinen: der Blitz.

Aber das ist lange her, und der Blitz hat die Buche danach nie mehr getroffen, obwohl er in der Zwischenzeit etliche Male um sie herum geschwirrt und gezuckt ist und ihr Angst und Schrecken eingejagt hat.

Weit oben in der Buche war damals durch den sengenden Strahl des Blitzes ein Hohlraum in dem dicken Holz des Stammes entstanden. Dieser Hohlraum ist heute so geräumig, dass gerade ein größerer Vogel darin Platz finden kann … eine Eule etwa. Und genau eine solche hat sich seit einigen Jahren in dieser Baumhöhle ein Heim geschaffen.

Ihr Zuhause ist einfach, aber gemütlich und kuschelig warm, denn meistens schläft die Eule in ihrer Höhle – und Schlafen, das tut sie überwiegend bei Tage. Nachts hingegen ist sie hellwach und beginnt ihren Streifzug durch den Wald, der sich über die bergige Landschaft erstreckt, soweit das Auge reicht. Dann jagt sie Beute. Am liebsten Mäuse. Auch Blindschleichen mag sie sehr gerne.

Ab und zu knabbert sie auch einfach nur an Tannenzapfen. Sie weiß selber nicht, warum, und es ist auch ein ganz eulenuntypisches Essverhalten. Aber irgendwie braucht die Eule manchmal etwas zu knabbern, ob nun aus Langeweile oder Aufregung, das weiß keiner so genau.

Kaum jemand hat die Eule jemals zu Gesicht bekommen. Sie ist so geschickt im Stillsein und ihr Flug ist so lautlos, dass sie immer übersehen wird, von Mensch und Tier.

Einmal war ein kleines Mädchen mit seinem Vater zu der Burg heraufgekommen, um die Ruine zu besichtigen. Das Mädchen streifte ein wenig umher und blieb schließlich bei der alten Buche stehen. Langsam glitt sein Blick über die unendlichen Baumkronen. In fast allen Richtungen war nur ein unendliches Meer aus Baumkronen zu sehen. Lediglich zum Westen hin, wo das Tal lag, da vereinzelten sich die Bäume, um dem Städtchen Platz zu machen, das sich eng an den kleinen Fluss schmiegte, der aus den umliegenden Bergen kam.

Das Mädchen ließ seinen Blick ziellos über die grüne Landschaft wandern.

Plötzlich war es ihm, als hörte es eine leise Stimme ganz in seiner Nähe. Einen Moment lauschte es angespannt. Es klang, als käme die Stimme förmlich aus der Krone der alten Buche, ein Klang wie ein leises Summen oder Flüstern. Erstaunt suchte das Mädchen zwischen den Blättern, die leicht im Wind schwirrten, nach der Ursache des Geräusches. Doch da war nichts. Da war nur der säuselnde Wind und die tanzenden Buchenblätter.

Als das Mädchen seinen Blick wieder senkte, sah es gerade noch rechtzeitig, wie ein großer Vogel zum Flug ansetzte und auf weiten Schwingen lautlos in den Wald glitt. Es war die Eule gewesen, die in der Buche wohnte.

„Ola, Ola!“, rief das Mädchen aufgeregt und der Vater rannte herbei.

Er schaute in die Richtung, in die die Kleine zeigte und erhaschte noch einen kurzen Blick der Eule. Er lächelte – einerseits, weil sein Kind tatsächlich das Tier erkannt, aber andererseits den Namen desselben nicht richtig ausgesprochen hatte.

„Eule“, sprach er korrigierend.

Sein Töchterchen schaute ihn kurz an und wand sich geschickt aus seinem Griff um ihre Schultern. Es wollte die Eule noch einmal sehen. Eifrig schaute die Kleine über die Baumwipfel. Aber alles war reglos. Die Eule war bereits im Dickicht des Waldes verschwunden.

Seit diesem Tag heißt die Eule, die in der alten Buche neben der Burg lebt, Ola.

Ola fliegt Nacht für Nacht durch den Wald und sie kennt jedes Fleckchen Erde in ihrem Revier. Eher selten begegnen ihr andere Eulen, und wenn doch, dann konnte Ola sie bis jetzt immer erfolgreich ihres Reiches verweisen. Viele, viele Jahre lebt Ola schon dort, und nie ist ihr etwas so Seltsames und so etwas Schlimmes passiert wie in jenem Jahr, als … ja, lasst es mich der Reihe nach erzählen.

II

Eines Abends in der Dämmerung, als Ola gerade ein Auge öffnete und mit dem anderen noch einen Traum verfolgte, da vernahm sie plötzlich ein Singen. Sie lauschte erst halbherzig. Doch als das Singen nicht verklang, lauschte sie genauer und öffnete auch ihr zweites Auge.

Groß und rund strahlten ihre gelblichen Eulenaugen hinaus aus der Baumhöhle ins Dämmerlicht, während ihr Kopf leicht hin und her wackelte, um auszumachen, aus welcher Richtung die Melodie kam. Sie konnte es jedoch nicht genau feststellen. Und sie wunderte sich darüber, da ihr Gehör eigentlich außerordentlich gut ist.

Leicht verwirrt tippelte sie aus ihrer Höhle auf einen Ast und lauschte wieder. Das Singen war immer noch zu hören. Es klang hier draußen noch lauter und schöner. Und da fiel es der Eule erst auf: Die Musik war wunderschön, geradezu bezaubernd. Sie schien so viele Klänge und Nuancen aufzuweisen, als seien etliche Wesen an der Erzeugung der Melodie beteiligt. Und doch war die Eule sich sicher, dass dies alles aus einer einzigen Quelle kam.

Dann ging Ola plötzlich noch etwas auf. Wie ein Lichtblitz schoss ihr die Erkenntnis ins Bewusstsein: Sie kannte diese Musik. Sie kannte sie so gut, dass es ihr vorkam, sie kenne sie schon ewig, ja, in- und auswendig.

Vollkommen verwirrt stieß Ola einen leicht entnervten Eulenschrei aus. Ihr Ruf hallte von irgendwo her wider und verstummte unbeantwortet. Die Musik war immer noch da. Unentschlossen saß Ola auf ihrem Ast und wusste nicht, ob sie nun zur allnächtlichen Jagd aufbrechen oder weiter versuchen sollte, das Rätsel des Singens um sie herum zu lösen. Da sie großen Hunger hatte, entschied sie sich für Ersteres.

So flog sie in die schwarze Nacht hinaus und nahm ihre Lieblingsroute zu der alten Eiche, die genau gegenüber auf einer Bergkuppe thronte wie ein Wächter der Gegend.

Die Eiche war ebenfalls sehr alt, bestimmt so alt wie die Buche. Und auch sie war schon einmal vom Blitz getroffen worden. Aber ihr Stamm war dabei heil geblieben und zu einem außerordentlich stattlichen Umfang herangewachsen. Es war eher in ihrem Kronenbereich, dass man den ehemaligen Schaden eines Einschlags noch erkennen konnte. Dort war eine tiefe Einbuchtung – wie ein fehlender Zacken in einer Krone – in dem sonst ebenmäßigen Blätterdach des Baumes entstanden.

Als Ola bei der alten Eiche angelangt war, ließ sie sich kurz darauf nieder. Ihr Blick war nun auf ihre heimatliche Buche gegenüber neben der Bergruine gerichtet. Sonst war sie an diesem Punkt ihrer nächtlichen Streifzüge schon längst mit dem Erspähen von Beutetieren beschäftigt. Aber dieses Mal schaute Ola lange hinüber. Sie musste an das Singen denken. Fast erinnerte sie sich noch an die Melodie. Doch dann verblasste die Erinnerung und sie betrachtete nur noch die alte Buche.

Sie merkte, dass sie diesen Baum ganz schön gern hatte. Bei all der Vielfalt und Vielzahl der Bäume wandte sich ihr Blick doch immer wieder dorthin, wenn sie auf Streifzügen war. Die Buche war stets Orientierungspunkt und Richtungsweiser für Ola. Und wenn sie den Baum einmal nicht im Blick hatte, dann trug sie doch immer ein Bild von ihm in ihrem Innern, als könne sie seine Koordinaten fühlen, wo immer sie war.

Eine Weile saß Ola noch in der Eiche und freute sich still. Dann, als der Hunger größer wurde, machte sie sich endlich auf die Jagd.

Beim Fortfliegen war es ihr einen kurzen Moment, als hörte sie das Singen ganz deutlich im Umkreis der alten Eiche. Doch nun wollte Ola sich nicht mehr darum kümmern. Ihr Instinkt hatte ganz Besitz von ihr ergriffen und ihr ganzes Sein war nun auf die Jagd ausgerichtet.

III

Am nächsten Abend, als Ola in ihrer Höhle erwachte, war es draußen recht stürmisch. Der ganze Wald war ein wogendes Meer aus Blätterwerk. Der Wind pfiff aus tausend Ecken und Ritzen. Ola beschloss, zu Hause zu bleiben und weiterzuschlafen. Sie hatte am Vorabend genügend Beute gejagt und war nicht hungrig. Die alte Buche wiegte sie gemächlich in erneuten Schlaf und Ola begann zu träumen.

Anfangs sah sie eine Maus, die über eine verschneite Wiese lief. Dann veränderte sich die Szenerie und sie sah einen Fuchs in seinem Bau verschwinden. Ola flog weit hinauf, und übergangslos befand sie sich plötzlich über den Wolken.

Sie flog so hoch, wie sie noch nie geflogen war. Der Himmel war hier heller und es war kühl. Aber es gefiel Ola sehr, so weit oben zu sein. Sie musste kaum ihre Flügel schlagen. Irgendwie wurde sie hier mehr von der Luft getragen als üblicherweise. Fast hatte sie das Gefühl, dass sie schwebe.

Sie kam an einem Jungen vorbei, der auf einer Wolke saß. Er lächelte sie an und rief:

„Hallo Ola!“

Verdutzt starrte sie den Menschen an. Woher kannte er sie? Der Junge lachte lauthals und sagte:

„Komm, ich zeig dir was! Hab keine Angst!“

Ola beobachtete den Jungen mit den dunklen Haaren, die im Wind wirbelten noch einen Augenblick, während er geduldig wartete. Dann fasste sie sich ein Herz und ließ sich vorsichtig am Rande seiner Wolke nieder.

Eine Weile beäugten sich die beiden wieder. Doch schon nach kurzer Zeit lachten und alberten sie herum. Gemeinsam segelten sie auf der Wolke weiter und fühlten sich bald wie alte Freunde.

Nach geraumer Zeit, in der Ola beinahe merkte, dass sie irgendwo ganz weit entfernt schlief, kamen sie an ein großes Fenster. Das Fenster war einfach mitten in den Himmel gesetzt, als habe jemand die Idee für einen Hausbau schnell wieder fallen gelassen. Man konnte nicht sehen, was sich dahinter befand, da blaue Vorhänge hinter den Scheiben zugezogen waren.

Einen Moment starrten die beiden Himmelssegler auf den dunklen Stoff. Ola verspürte ein wenig Unbehagen. Nur ein winziger Spalt war zwischen den Vorhängen sichtbar. Hauchdünne Lichtstrahlen drangen hindurch. Mit einem Mal beugte der Junge sich entschlossen vor, öffnete das Fenster und lotste die Wolke wagemutig hindurch.

Für einen Moment schwankte und schlidderte das himmlische Vehikel gefährlich. Dann wurde es etwas zusammengedrückt, samt Ola und dem Jungen, und sie verschwanden von der einen Seite, um unbeschadet wieder auf der anderen Seite herauszukommen.

Der Anblick, der sich ihnen jetzt bot, war atemberaubend. Hier gab es, in großzügigen Abständen angelegt, seltsam geformte Skulpturen und Bauten aus weißem Stein. Alles war rundlich gestaltet, es gab kaum Ecken oder gerade Linien, und die Formen der Verzierungen und Umrandungen waren schier unerschöpflich und mannigfaltig.

Zwischen den Gebäuden lagen weitläufige üppige Gärten, in denen hohe prachtvolle Bäume standen. Vereinzelt sah man Türme, die sich hier und da in das Ganze einfügten. Diese hatten scheinbar riesige Blumenknospen als Kuppeln, manche geöffnet, manche geschlossen. Kunstvolle Girlanden rankten sich dicht um die Bauwerke.

Ola erkannte von der Wolke aus, dass die ganzen Werke und Bauten in einem großen Bogen angeordnet waren. Von oben sah alles wie ein harmonisches abstraktes Gemälde aus, das jedoch im absoluten weißen Nichts lag. Weit und breit war sonst überhaupt nichts um diese Stadt herum zu sehen. Trotzdem machte dies der Eule keine Sorge. Alles schien genau so zu sein, wie es sein sollte.

Bald gelangten Ola und der Junge zu einer Schwelle, die einen inneren Teil von einem äußeren Teil des Ganzen zu trennen schien. Im inneren Teil waren die Gebäude und Kunstwerke kleiner, aber auch schöner. Sie waren reicher verziert, mit Arabesken aus glänzendem Silber und Gold.

Kaum ein Gebäude hatte ein Dach. Anstatt dessen waren die Bauten nach oben hin einfach offen. Die Skulpturen waren hier fantasievoller und erlesener. Auch die Gärten waren vielfältiger und prächtiger, die Pflanzen exotischer und farbenfroher. Kein Gewächs ähnelte dem anderen.

Ola bemerkte jetzt, dass hier eine Vielzahl von Wolken vorüberzog – Wolken, ebensolche wie diejenige, auf der sie und der Junge saßen. Auf den anderen Wolken befanden sich die verschiedensten Tiere und Menschen.

So sah sie zum Beispiel auf einer Wolke eine alte Frau im Nachthemd, neben der rechts und links zwei Pinguine Platz genommen hatten, auf der nächsten Wolke waren freche Kinder, die einen geduldigen Orang-Utan mit Popcorn bewarfen, auf einer weiteren standen drei kleine, dickliche Trompeter, um die unzählige Grashüpfer herumflirrten.

Dann erspähte Ola im Vorbeiflug noch eine Giraffe, auf deren Hals eine ordentliche Reihe schwatzender Spatzen saß, und ein Faultier, das versuchte, einen Wurf wuselnder Hündchen im Arm zu halten, und viele ähnliche Gruppierungen von Lebewesen.

Ab und zu waren auch Pflanzen oder Steine oder Gegenstände auf einer Wolke platziert. So sah Ola zum ersten Mal in ihrem Leben ein Radio. Es gab elektronische Klänge von sich und zwischen den beiden Antennen des alten Geräts tanzte ein Frettchen wild umher. Ola staunte nicht schlecht.

Neben ihr winkte plötzlich ein Bussard mit seinem Flügel. Der Bussard erinnerte sie sehr an ihren Freund aus dem Wald, wo sie … Ja, was war denn da noch mal? Sie erinnerte sich nicht weiter. Ihr Zuhause war jetzt weit entfernt. Sie schaute wieder hinab.

In der Mitte der Ansammlung von Häusern, Skulpturen, Türmen, Gärten und schlangenförmigen Wegen, die alles verbanden, befand sich ein noch viel höherer Turm als all die anderen. Er überragte alles, was es hier gab und wurde nach oben hin breiter.

Auf unerklärliche Weise endete der Turm in einer wunderschönen geöffneten Blüte. Diese Blüte sah vollkommen echt auch. Ola konnte sogar ihren Duft wahrnehmen. Und doch schien es unmöglich, dass die Blüte einfach aus dem weißen Bauwerk herauswuchs.

Eine goldene Treppe mit wellenförmigen Stufen umringte den Turm spiralförmig. Am Geländer derselben klimperten feine goldene Ketten, an denen Wolken festgemacht werden konnten, die dort angelangten. So konnten sie an dem Turm hinaufgezogen zu werden.

Ola war außerordentlich erstaunt. Ihre Augen waren inzwischen so groß wie Untertassen. Der Junge neben ihr auf der Wolke lachte wieder, als er Ola betrachtete. Er strich ihr beruhigend über das Gefieder und flüsterte ihr zu:

„Schön, nicht?“

Und als die Stimme des Jungen in ihr Gehör drang, erklang auch etwas Anderes zugleich. Ola konzentrierte sich darauf, doch es verschwand sogleich wieder hinter der Stimme. Dann erklang es wieder und sie erkannte plötzlich erstaunt: Es war die Musik, es war das Singen, das sie bei der Buche gehört hatte! Mit einem Mal erinnerte sich Ola an alles, an die Buche, ihre Höhle, die Burgruine, die Berge, die Eiche gegenüber, eine Maus …

Das letzte Bild verblasste.

Ola war sich nun sicher, dass ihr Wolken-Freund der Urheber des Gesangs gewesen sein musste. Doch der Junge schüttelte gleich den Kopf, als könnte er in ihren Augen lesen, was sie dachte. Ola wurde ganz aufgeregt. Sie wollte ihm nicht glauben und sie hatte sich zudem an ihr Zuhause erinnert, was in ihr ein großes Unbehagen auslöste, da sie sich offensichtlich weit weg von dort befand.

Sie stieß einen lauten entnervten Eulenschrei aus und gleich darauf noch einen. Danach fühlte sie sich besser.

Doch zu ihrem größten Erschrecken war nun alles um sie herum erstarrt. Nichts bewegte sich mehr. Sie erkannte, dass die Musik die ganze Zeit um sie herum geklungen hatte. Sie merkte dies jetzt, da es ganz still geworden war. Die Musik hatte den ganzen Himmel durchdrungen! Sie hielt die Luft an. Eins, zwei, drei, vier…

Ein Klopfen erklang. Ola öffnete die Augen und erblickte den Specht, der wieder direkt neben ihrem Zuhause sein eigenes Heim bauen wollte. Mit einem lauten „Huhuhhh“ verscheuchte sie den Störenfried und merkte erst in diesem Moment, dass sie aufgewacht war – in ihrer Höhle.

Da war ihr Erstaunen noch größer. Ungläubig blickte Ola aus ihrem Heim in die Landschaft hinaus, über der die Dämmerung lag. Sie wusste nicht, ob es Tag oder Nacht wurde. Sie wusste auch nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Und sie wusste nicht, ob sie wirklich nur geträumt hatte, denn alles war ihr so wirklich erschienen wie jetzt ihre alltägliche Welt.

Ein bisschen erleichtert war sie dennoch. Ihr schien diese Welt im Traum so fern, dass es sie schauderte. „Dafür hätte man sicherlich tagelang fliegen müssen“, dachte sie.

Ein Flattern ging durch die Luft. Ola schaute sich um. Der alte Bussard landete auf einer nahegelegenen Erle und blickte zu ihr herüber. Es war der Bussard, den sie auch im Traum gesehen hatte. Er lebte ganz in ihrer Nähe und besuchte sie oft, wenn auch immer nur kurz und mit etwas Abstand.

Einen Moment wusste Ola nicht, was sie sagen sollte. Dann fiel ihr ein, dass sie wissen wollte, ob es Abend oder Morgen sei. Bevor sie jedoch etwas äußern konnte, machte der Bussard ein seltsames krächzendes Geräusch, das Ola aufzucken ließ. Nach den aufregenden Ereignissen des Traumes war sie ganz schreckhaft geworden.

Sofort wusste sie jedoch, dass der Bussard ihr auf diese Weise geantwortet hatte, mit genau diesem krächzenden Geräusch. Oder war das Krächzen nur in ihrem Innern zu hören gewesen? Sie wusste es nicht genau.

Der Bussard flatterte auf und davon. Ola sah ihm nach.

„Der Abend bricht an“, hörte sie sich selbst wiederholen, was sie soeben gehört hatte.

IV

Es wurde ganz still auf der Bergkuppe neben der alten Burgruine. Langsam legte sich Dunkelheit über die ganze Landschaft. Einige Tiere gingen jetzt schlafen, andere erwachten, um auf ihren nächtlichen Beutezug zu gehen. Hier und da ertönte ein Rascheln oder Knistern, ein Grummeln und ein Schnüffeln, ein Knurren und ein Fauchen, ein Zirpen und ein Zischeln, dann wurde es wieder ganz still.

Je stiller es wurde, umso deutlicher erschien es Ola, als höre sie ein leises Säuseln oder Piepen, das weder vom Wind noch von einem Tier stammte. Es war ein Geräusch, das geradezu aus der Stille herauszukommen schien. Sie konnte es nur vernehmen, wenn sie selbst ganz still, ja, fast schon schläfrig wurde. Sobald sie sich zu sehr darauf konzentrierte, verstummte es.

Eine Weile ging es so hin und her. Ola lauschte, hörte nichts, versank in Halbschlaf und hörte sofort wieder das Säuseln, woraufhin sie eilig aufschreckte und … nichts mehr vernahm. Vor lauter Aufregung über dieses Phänomen begann sie, nervös an einem Tannenzapfen zu knabbern, den sie von einem ihrer letzten Ausflüge mitgebracht hatte. Das beruhigte sie etwas.

Irgendwann musste sie doch eingeschlafen sein.

Sie erwachte, als die Nacht schon weit fortgeschritten war. Und da war mit einem Mal wieder laut und deutlich und unverkennbar das Singen zu hören. Es hallte und tönte um sie herum und betörte sie vollends. Ola lauschte und fühlte wieder solch eine Vertrautheit mit der Melodie, dass es ihr unerklärlich schien. Wie konnte sie diese je vergessen?

Aber vielleicht war dieses Singen auch immer da und sie hörte es nur nicht. Sie hielt ihre Ohren in jede Richtung. Die Musik schien aus allen Ecken zugleich zu kommen. Sie flog von Ast zu Ast, doch nichts änderte sich an der Wahrnehmung des Klangs.

Sie begab sich zu den Wurzeln des Baumes: Immer noch war das Singen unverändert zu hören, obschon sie meinte, dass es ein wenig leiser geworden war. Sie flog zu der alten Burgruine hinüber und lauschte abermals, und siehe da: Das Singen war nun eindeutig leiser geworden.

Mit großen Augen starrte Ola ihre liebe alte Buche an. Konnte es sein, dass der Baum selbst sang? Ola konnte irgendwie nicht glauben, dass ein Baum singen konnte, schon gar nicht auf solch mysteriöse Weise.

Sie wandte sich zum Tal und schaute nachdenklich über die Berge. Nein, das konnte nicht sein. Ein singender Baum, davon hatte ihr ihre Eulenmutter nie etwas erzählt. Entnervt entließ sie einen lauten Eulenschrei.

Weit im Südwesten wurde eine dunkle Wolkenwand am Horizont sichtbar. Langsam bewegte sie sich auf den Wald zu. Der Geruch von Regen strömte bereits herüber. Ola wurde unruhig. Sie dachte daran, noch ein wenig zu jagen, bevor ein Unwetter aufkam.

Schon erblickte sie Bewegung im Unterholz und flog aufgeregt davon, ohne einen weiteren Gedanken an das geheimnisvolle Singen zu verschwenden. Ihr Jagdinstinkt hatte wieder die Oberhand gewonnen, und die dunkle Nacht umfing sie wie ein tarnender Schleier.

V

Nicht lange danach waren die dunklen Wolken über dem Wald und brachten Unwetter und Regen und schließlich auch Blitz und Donner mit sich. Es stürmte heftig über dem ganzen Tal. Die Tiere suchten schnell Schutz in ihren Verstecken. Die Gegend war bald wie ausgestorben.

Die alte Buche wog aufgeregt im Wind, und auch die alte Eiche, die sich auf dem gegenüber liegenden Hügel befand, wog ebenso wild im Wind. So viele Jahre, Jahrzehnte hatten sich diese beiden Bäume gegenübergestanden. Sie kannten sich gut, denn sie lebten beide etwa gleich lang an diesem Ort.

So wurden die beiden alten Baumfreunde in dieser Nacht vom Wind hin und her gerissen und sie waren ein wenig bang, denn ein Gewitter bedeutete immer Gefahr. Aber sie waren auch mutig, denn sie hatten schon viele Unwetter erlebt und bis jetzt jedes von ihnen überstanden.

Ola war mitten auf der Jagd von dem starken Regen überrascht worden und hatte sich unter einem Felsvorsprung eine Nische gesucht, in der sie geschützt war. Von hier aus konnte sie den ganzen Wald überblicken. Zu ihrer Linken sah sie klein ihre Buche neben der Burgruine im Wind wehen.

Sie wartete ungeduldig auf das Ende des Sturmes. Als der Blitz einige Male verschiedene Bäume des Waldes traf, erschrak Ola. Und es kam ihr seltsam vor, denn früher war sie nicht erschrocken, wenn der Blitz einen Baum traf, sondern nur, wenn ein Blitz direkt in ihrer Nähe einschlug. Etwas wie Sorge um die alte Buche hatte von Ola Besitz ergriffen. Sie begann unruhig an einem Tannenzapfen zu knabbern.

Nach einiger Zeit zog das Gewitter weiter und die Eule wollte sich schon erleichtert auf den Rückflug machen, als der Wind drehte und das Gewitter abermals über dem Wald wütete. Und dieses Mal war das Blitzen und Donnern und Prasseln und Stürmen noch gewaltiger als zuvor. Es schien gar kein Ende nehmen zu wollen.

Mit Schrecken verfolgte Ola, wie die alte Burgruine einige Male im grellen Licht von Blitzen aufleuchtete, als versuche der Blitz dort hartnäckig, ein Ziel zu finden. Und plötzlich, mit einem lauten Krachen, das bis zu Ola hinüberdrang, schien der Blitz etwas gefunden zu haben und gleißte die ganze Bergkuppe in sein grell-feuriges Licht.

Ola entließ unweigerlich einen entsetzten Eulenschrei. Der Tannzapfen fiel ihr aus dem Schnabel und ohne einen weiteren Gedanken flatterte sie auf und davon zu der Bergkuppe. Ihr Instinkt warnte sie und sagte ihr zugleich, dass etwas Schlimmes passiert war.

Schon während sie durch die Luft glitt, sah Ola erste Flammen neben der Burgruine emporschießen. Und als sie näherkam, erkannte sie, dass es die alte Buche war, die brannte, ihre geliebte alte Buche! Der halbe Baum brannte lichterloh. Böse Flammen züngelten um die weit gewundenen Äste, während der Regen langsam nachließ und dem Schreckensanblick noch Nahrung gab.

Zeichnung Burgruine und brennender Baum

Die Flammen verzehrten in Windeseile Zweige und Blätter, während der Sturm noch eine Weile über der Bergkuppe hing. Ola war mitten auf ihrem Flug abgebogen und zu der alten Eiche geflogen. Irgendetwas schien sie dort gerufen zu haben. Doch sobald die Gefahr vorüber war, flog Ola zu ihrem Heimatplatz und sah das Grauen aus der Nähe.

Die alte Buche war nicht mehr in ihrer alten Form zu erkennen. Sie war über die Hälfte verbrannt und der restliche Baum war schwarz und versengt. Der kleine unversehrt gebliebene Teil ließ verwundet und traurig Äste und Blätter hängen. Die Kraft und das Wunder dieses uralten Baumes schienen in einer einzigen unheilvollen Stunde für immer entwichen zu sein.

Bis auf ein leises Pfeifen war es totenstill geworden.

Ola schaute, ob noch etwas von ihrer Höhle übriggeblieben war. Aber das Holz des Baumes war an dieser Stelle fast vollends verbrannt.

Verstört landete Ola auf der Erde an den Wurzeln des Baumes und schaute sich um. Überall war Asche und Spuren der wilden Zerstörungswut des Sturmes. Nirgendwo an diesem Platz schien es mehr Schutz oder Geborgenheit für Ola zu geben. Doch sie wollte nicht fort von hier. Nein! Ein schauriges Eulenheulen entfuhr ihr, eines, das sie selbst noch nie bei sich gehört hatte. Die Tiere im ganzen umliegenden Wald erschauerten in ihren Verstecken und hielten erstarrt inne in ihrem Tun – so schaurig klang Olas Ruf.

Für einen Augenblick stand die ganze Welt still, gefangen in einem Augenblick des Schocks.

Dann, wie aus einer weit entfernten Sphäre, drang wieder das leise Pfeifen in Olas Bewusstsein. Es war so leise, dass sie es kaum hören konnte. Es klang schwindend und schien sie doch heimlich zu umgarnen, als wolle es sie mitnehmen in eine Ferne, die ihr unheimlich war. Und mit einem Mal wurde aus dem Pfeifen ein leises Flüstern, dessen Worte Ola auf einer Ebene erreichten, auf der sie alles verstehen konnte. Sie hörte genau hin und vernahm:

„Meine Liebe, jetzt hast du es doch noch entdeckt.“

Ola traute ihren Ohren nicht. Sie konnte sich nicht rühren. Die Worte kamen genau aus der Richtung, wo die Buche stand.

„Wir werden uns wiedersehen, kleine Ola, du kennst den Weg bereits!“, erklang es wieder, aber noch leiser.

Dann war auch das letzte Säuseln verklungen.

Und da erkannte Ola es plötzlich glasklar. Sie taumelte wie vom Geistesblitz getroffen. Nun war sie wirklich untröstlich, denn sie hatte endlich begriffen, dass es die alte Buche gewesen war, die immer gesungen und eben noch zu ihr gesprochen hatte. Und bestimmt hatte sie auch schon vorher zu ihr gesprochen und Ola war nur immer zu dumm und zu einfältig gewesen, um die Buche verstehen zu können.

Jetzt würde sie den Gesang des Baumes nie wieder hören! Sein Klang war in dieser Nacht erloschen wie ein fallender Komet – für immer, das wusste Ola. Und mit ihr war auch ihr Zuhause ein und für allemal verloren. Sie war so traurig, dass sie nichts mehr wahrnahm außer ihrem Schmerz.

VI

Den ganzen Rest der Nacht verbrachte Ola wie versteinert am Fuß der gestorbenen Buche. Sie rührte sich kein einziges Mal. Und auch um sie herum rührte sich nichts. Erst am frühen Morgen, als der erste Schimmer der Sonne an den Bergsilhouetten zu erkennen war, regte sich wieder etwas im Wald: Ein leises Rascheln und Knistern, ein Gurren und ein Hecheln drangen zaghaft durch die Leere, die Ola von allen Seiten umgeben hatte.

Ola hatte nicht geschlafen und doch erwachte sie wie aus einem tiefen Traum, einem Albtraum. Sie öffnete traurig das eine, dann – nach etlichen Minuten – das andere Auge und streckte anschließend ganz langsam ihre Flügel. Ratlos blickte sie an der schwarz verkohlten Buche empor und konnte es immer noch nicht fassen.

Irgendwann landete der alte Bussard ganz in ihrer Nähe auf einem dunklen brüchigen Aststumpf. Er krächzte seltsam und Ola schaute zu ihm hinauf. Genau wie das letzte Mal vernahm sie erst im Anschluss seine Mitteilung. Er war schon wieder auf und davon geflogen, bevor sie irgendetwas entgegnen konnte. Aber sie hätte sowieso nichts zu sagen gehabt. Ihre Stimme war ganz tief in sie hinein gesunken.

„Die alte Eiche ruft dich“, hatte der Bussard gesagt.

Eine Weile bewirkten die Worte überhaupt keine Reaktion in Ola.

Die alte Eiche … hallte es irgendwann in ihr wieder. Eiche? Ola wusste einen Moment nicht einmal, wer die alte Eiche war, nicht einmal, wer sie selbst war. Doch dann rüttelte sie etwas wach, etwas wie ein Schauer, der von außen über sie kam und sie wohlwollend und doch auch vielleicht etwas unbarmherzig aus ihrer Lethargie riss.

Ola setzte diesem seltsamen Impuls keinen Widerstand entgegen. Sie streckte ihre Flügel wieder und schüttelte ihr Gefieder, einmal und noch einmal … und noch einmal – und dann war sie wieder bei Sinnen.

Ohne zu überlegen machte sie sich auf zu der alten Eiche gegenüber. Schon als sie näherkam, hörte sie, dass die Eiche von Klängen umgeben war. Sie sang auf ähnliche Weise, wie die alte Buche immer gesungen hatte. Wie hatte sie so etwas nur überhören können? Das war ihr unerklärlich. Aber sie freute sich auch über das vertraute Klingen, auch wenn es anders war. Es erinnerte sie an ihr Zuhause in der Buche.

Die Melodie der Eiche war in diesem Moment der Buche gewidmet. Das Lied, das die Eule hier hörte, erzählte von der gleichen Trauer, die sie selbst empfand, und von Erinnerungen an eine geliebte Freundin.

Ola ließ sich mitten in der Eiche nieder, versteckt hinter dichtem Blätterwerk, und lauschte wehmütig. Hier war der Gesang am stärksten und nur hier würde sie Trost finden, das wusste sie.

VII

So war es schließlich der Gesang der Bäume gewesen, den Ola immer stärker wahrgenommen hatte.

In Wirklichkeit ist es nämlich so, dass alle Bäume singen können, doch nur die älteren sind für andere Lebewesen hörbar, und nur die allerältesten singen so vielfältig und so schön, wie es Ola erlebt hat.

Die ältesten Bäume haben schließlich auch viel zu erzählen, denn sie haben schon viel Lebenserfahrung gesammelt. Und die jüngeren Bäume lauschen ihnen gerne, um zu lernen. Auf diese Weise geht kein Wissen im Wald verloren.

Viele Stunden, ja sogar Tage, lauschte Ola lediglich dem Gesang der Eiche. Es schien, als würden sie – die Eule und die Eiche – zusammen trauern und sich gegenseitig trösten, denn auch die Eiche empfand die Gegenwart der Eule, die immer bei ihrer geliebten Freundin, der Buche, gewohnt hatte, als tröstlich.

Und da die alte Eiche sehr weise war, wusste sie auch von dem Klang, den Eulen in sich tragen, so wie sie von den ganzen anderen Klängen wusste, den verschiedenen, die jedes Tier und jede Pflanze und jeder Stein in sich tragen. Und der Klang von Ola verband sich in dieser Zeit auf ganz geheimnisvolle Weise mit dem Klang der Eiche.

Diese Verbundenheit der beiden Wesen sollte für den Rest der Zeit bestehen bleiben. Ohne es zu diesem Zeitpunkt schon zu wissen, hatte die Eule ein neues Zuhause gefunden. Und dazu kam, dass sie nun die geheime Sprache der Bäume kannte. Das war für sie ein ebenso großes Geschenk.

Oftmals später, wenn Ola hinüberschaute zu der alten Bergruine und dem Platz, wo nur noch das verkohlte Gerippe der Buche herausragte, wurde sie wieder traurig. Doch dann musste sie nur eine Weile dem Singen der Eiche lauschen, danach klang die Trauer jedes Mal ab.

VIII

So ging das Leben weiter. Ola ging wieder auf die Jagd und genoss ihr Dasein. Sie liebte die alte Eiche mit jedem Tag mehr und schließlich so sehr, wie sie nie gedacht hätte, lieben zu können. Nach der großen Trauer, war dieses Gefühl so stark, dass es sie gänzlich erfüllte und erfreute.

Die Verbindung war etwas Besonderes, denn sie trug in sich eine große Erkenntnis und Tiefe. Vielleicht war alles, was passiert war, nötig gewesen, um diese neue Ebene in ihrem Leben zu enthüllen. Wie sonst hätte Ola je all dies erfahren können? Zumindest war es unvermeidlich, der Lauf der Dinge, das wusste sie sicher.

Eines Abends, als die Sonne gerade untergegangen war, erwachte Ola in ihrem neuen Zuhause in der alten Eiche. Sie war noch ganz schläfrig und schloss die Augen wieder. Als sie sie wieder öffnete, fand sie sich auf einer weiten weißen Ebene wieder.

Sie flog auf, um die Landschaft besser überblicken zu können. Da erkannte sie, dass sie auf einem gewölbten weißen Hausdach gesessen hatte. Je höher sie flog, umso mehr ähnliche Häuserdächer erschienen unter ihr.

Dann bemerkte sie auch Gärten und andere Gebäude und seltsame Skulpturen zwischen den Häusern. Und sofort wurde ihr bewusst, dass sie sich wieder in jener Stadt befand, in der sie schon einmal im Traum gewesen war. Neben ihr erschien prompt der Junge von damals auf einer Wolke. Es schien, als habe er sie schon erwartet.

„Komm mit, Ola! Ich will dir was zeigen“, rief er ihr zu und Ola nahm freudig neben ihm auf der Wolke Platz.

Er strich ihr lächelnd über das Gefieder. Gemeinsam flogen sie zum Zentrum der Stadt, wo der große weiße Blütenturm stand. Von unten erschien er unendlich hoch. Ola konnte die Spitze zwischen den Wolken gar nicht erkennen, so hoch war der Turm.

Zeichnung Ola & Junge

Sie beschlossen, sich zur Spitze zu begeben und machten ihre Wolke an einer der goldenen Ketten fest, die dafür vorgesehen waren, Wolken hinaufzubefördern. Spiralförmig und in kleinen Wellenbewegungen wurden sie um den Turm herum in die Höhe gezogen. Die Ketten klirrten dabei leise.

Immer höher ging es. Das Kreisen schien kein Ende zu nehmen. Die Stadt unter ihnen wurde kleiner und kleiner und die Luft immer kristallener.

Nach endlosen Runden, wie es Ola schien, wurde der Turm breiter. Die organische Blütenform des oberen Turmteiles entfaltete sich, ohne dass man einen Übergang hätte erkennen können. Es begann wundervoll zu duften und die Wolke wurde immer weiter außen herum geleitet, da die Blütenblätter sich weit ausbreiteten.

Feiner goldener Staub schwebte in der Luft, glitzerte wie kleine Sterne und legte sich über alles, was er berührte. Hier oben leuchtete die Welt nur noch in schönstem Sonnenlicht.

An der Spitze angekommen, wurde der Turm so breit, dass er einen großen flachen Platz bildete. Der Platz war so groß, dass man den gegenüberliegenden Rand kaum erkennen konnte. Ola und der Junge betraten das Plateau, das goldgelb funkelte und unter ihren Füßen weich nachgab. Die oben angekommenen Wolkengondeln verschwanden hier in einer Öffnung inmitten des Platzes und wurden wieder hinunterbefördert.

Das Licht, das Ola und den Jungen umgab, war so hell, wie sie es von nirgendwoher kannten, und doch blendete es nicht. Es erfüllte sie lediglich mit der Freude von etlichen Sonnentagen. Die beiden begannen, grundlos zu lachen und wirbelten tanzend im Kreis umher.

VIIII

Während vorher allerlei Tiere und Menschen auf dem Plateau des Turms zu sehen gewesen waren, fiel Ola und ihrem Freund jetzt auf, dass sie alleine waren. Weit und breit war niemand zu sehen. Erst als sie eine Weile zur Mitte des Platzes gegangen waren, kam ein kleiner Zaunkönig angeflogen und gesellte sich zu ihnen.

Sein Zwitschern war so fröhlich und sorglos, dass Ola sofort selbst einige verrückte Eulenlaute von sich gab. Und, als habe sie damit eine Musikanlage angeschaltet, tönten plötzlich von allen Seiten Klänge – Klänge, die so vielfältig und komplex waren, dass man gar keine einzelnen Elemente heraushören konnte.

Es war ein Ganzes aus so vielen Anteilen, dass es eigentlich ein großes Chaos hätte ergeben müssen. Anstatt dessen aber war die Musik so schön, dass die drei Besucher innehielten und verzaubert lauschten. Solch eine Musik hatten sie noch nie gehört! Je länger sie zuhörten, umso mehr schien es ihnen, dass die Vielfalt an Klängen noch zunahm.

Irgendwann war es, als seien alle Klänge der Welt in dieser Musik enthalten. Da waren Klänge von Vögeln, von Insekten, von den Tieren des Waldes, der Wüste, der Wasser- und der Eiswelten, Klänge von Pflanzen und Steinen und Bergen und auch die verschiedensten echten und künstlichen Klänge der Menschen. Zu guter Letzt kamen auch Klänge von Geistern und anderen fremden Wesen hinzu, die den drei Besuchern fremd und doch schaurig-schön vorkamen.

Ola vernahm dabei bald ganz deutlich eine Grundmelodie, eine Melodie, die ihr sehr, sehr bekannt vorkam. Sie lauschte angestrengt. Und mit einem Mal entließ sie einen verdutzten und zugleich erfreuten Eulenschrei. Natürlich! Diese Grundmelodie war die Musik ihrer geliebten alten Buche.

„Wie schön!“, dachte Ola, und gleich darauf: „Wie kann das nur sein?“

Sie freute sich so sehr, das Singen der Buche wiederzuhören, dass ihr Gefieder erschauerte und sich ohne ihr bewusstes Zutun schüttelte. Der Junge lachte und kraulte Ola beruhigend im Nacken. Der Zaunkönig flog hüpfend weiter zur Mitte des Platzes.

Erst nach einem längeren Stück des Weges wurde dort etwas sichtbar. Zuerst sah es wie eine Säule aus, doch dann erkannte Ola, dass dort in der Mitte des großen Platzes ein Baum stand. Mit jedem Schritt, den sie dem Baum näherkamen, freute sich Ola mehr – ohne zu wissen warum.

Erst als sie fast ganz dort angelangt waren und Olas Herz wie ein Eichhörnchen in ihrer Brust sprang, wurde ihr der Grund für ihre Freude gänzlich bewusst: Vor ihr stand leibhaftig und lebendig und unversehrt ihre liebe alte Buche!

Ola flog hoch in die Luft, machte einen übermütigen Luftpurzelbaum und ließ sich dann auf ihrem früheren Lieblingsplatz auf dem Ast vor ihrer Höhle nieder. Wie zur Begrüßung strich die Eule mit ihrem Kopf und Schnabel an der Rinde des Astes entlang und pickte leicht in das Holz.

Entzückt lauschte sie der vertrauten Melodie, die hier im Innern der Baumkrone ganz deutlich herauszuhören war. Manchmal kam ein Lüftchen und dann vermengte sich diese Melodie wieder mehr mit dem großen Ganzen an Klängen und Tönen von außen, bis das Lüftchen abflaute und die Melodie der Buche wieder im Vordergrund stand.

Einige Zeit war Ola nur mit Zuhören und Schwärmen beschäftigt. Sie hatte alles andere um sich herum vergessen. Der Junge und der Zaunkönig saßen ebenfalls in der Buche auf einem Ast. Genau wie die Eule schienen sie völlig versunken im Lauschen der Klänge.

Irgendwann jedoch durchbrach etwas die Melodie, die von ihrer Buche kam. Die Veränderung drang nur zögerlich zu Ola. Doch nach und nach vernahm sie einzelne Worte, die die Buche an die Eule richtete.

Sie sagte ihr, dass sie sich freute, ihre kleine Bewohnerin wiederzusehen, und dass Ola nicht traurig sein sollte. Denn die Buche, die Ola gekannt habe, wäre zwar nicht mehr da, aber das Wichtigste von ihr wäre an diesen Ort ihrer Geburt, wo sie sich befanden, zurückgekehrt. Hier hätte sie nun für einige Zeit den Platz der Hüterin aller Klänge inne, eine Ehre, die nur sehr alten Bäumen zuteilwerde.

Da staunte Ola nicht schlecht. Die ganze restliche Trauer, die sie noch über den Tod der Buche empfunden hatte, wurde mit diesen Neuigkeiten geheilt. Jetzt wusste Ola, dass es ihrer Buche hier oben besser ging, als sie es jemals für möglich gehalten hätte.

Die Buche sprach noch über vieles mehr, erzählte von weiteren und zukünftigen Abenteuern und von den seltsamsten fremden Welten und schilderte diese in aller Ausführlichkeit. Doch Ola verstand nicht sonderlich viel von dem, was ihre alte Freundin sagte.

So vermischten die Worte sich langsam wieder mit der ihr altbekannten Melodie und es klang wunderschön. Die Klänge der Buche waren an diesem Ort intensiver als je zuvor und die Eule versenkte sich tief und tiefer in diese tönenden Welten. Die Musik schien sich wellenförmig zu mehren und zu mindern, an- und abzuschwellen.

So ging es scheinbare Ewigkeiten. Es war ein ständiger Wechsel zwischen Fülle und Stille, Stille und Fülle, wie ein Meeresrauschen, das Welle um Welle aus Klang an den Strand spült und zurückzieht.

Ola zerfloss förmlich in diesem Meer, diesem Rausch der Ewigkeiten. Sie konnte sich selbst nicht mehr genau ausmachen zwischen diesem großen Vielklang. Sie schien selbst zu Musik geworden zu sein – oder die Musik war zu ihr geworden.

Da schien niemand mehr zu sein, der zuhörte, nur das Klingen und Singen selbst, das Tönen und Schallen, das Läuten und das Ringen. All die Klänge der Welt und all die Klänge der Sphären, alles wirbelte in klangvollen Wellen umher und kannte keinen Zielort, keinen Sinn. Alles geschah wie aus reinem Spiel und purem Glück.

Zeichnung Ola lauscht

Ein Gedanke zu „Der Traum der Eule

  1. Liebe Gina,
    diese Geschichte ist sehr berührend. Sie hat mich getröstet – in einem Moment, wo ich wieder einmal an den Tod eines geliebten Menschen erinnert wurde.
    Vielen Dank
    Gabrielle

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