Heimfahrt

Einem dunklen sportlichen Wagen neuesten Modells schwingt er das Lenkrad lässig nach links. Im Innern des Fahrzeugs säuselt homogene elektronische Musik mit Abschnitten von Geräuschen einer Meeresbrise und eines karibisch anmutenden Singsangs. Seine dunklen Augen blicken gedankenversunken geradeaus. Er muß dreimal angehupt werden, um das Grün der Ampel zu beachten.

Die Straße fliegt unter seinem Gefährt dahin, scheinbar immer einen Schritt voraus. Am Rande schimmern schwarze Umrisse von hohen Tannen auf dem Hintergrund des nachtrötlichen Industriestadthimmels. Ein weiteres stimmloses Lied verflüchtigt sich in seiner viertürigen Welt. Sein Blick ist verloren im falschen Ergebnis einer Rechnung, die eigentlich zu seinen Gunsten hätte aufgehen sollte. Der linke Zeigefinger füllt sinnend die Spalte zwischen seinen Lippen.

Eine Ampel sendet ihr rotes Verbot. Drei Jugendliche, betrunken, überqueren die Straße. Einer von ihnen wird auf das einzige Auto an der Kreuzung aufmerksam. Er begibt sich von der rechten Seite an das Fahrzeug und klopft an die Fensterscheibe; sein Gesicht grinst angriffslustig. Nur kurz aufgeschreckt streift der Fahrer den Nachtschwärmer mit einem überlegenen Blick und gibt Gas. Im Rückspiegel sieht er, wie dieser eine Dose hinter ihm herwirft. Sie verfehlt ihr Ziel um viele Meter.

Auf einer Brücke huscht seine Sicht über tausend rote Lichtaugen, die sich an metallenem Gerüst und Bau festhalten. Er biegt in eine kleine Nebenstraße ein, dann nach hundert Metern in eine noch kleinere. Häuser mit Vorgärten reihen sich nun in gebührlichem Abstand voneinander die enge Straße entlang. Eine dicke schwarzweiße Katze springt mit einem Satz auf einen kahlen Winterbaum. Scheinwerfer begegnen ihm und werden im Vorüberziehen zu einem flüchtigen Geisterfahrer.

An einem kleinen Bungalow, versteckt hinter einer ausladenden Trauerweide, parkt er den Wagen. Die Musik verstummt, das Licht erlischt. Er bleibt sitzen, sein Blick ist immer noch starr geradeaus gerichtet, sein Zeigefinger immer noch am Mund. Im Rückspiegel glimmen seine Augen; im linken Seitenspiegel legt der auf den Ellbogen gestützte Arm sich wie eine Schranke in den Rahmen.

Irgendwann blickt er zu dem Bungalow herüber. Er liegt völlig im Dunkeln.

© Gina Janosch

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