Träumer und Geträumte

Cover Lilly Kanexo_Träumer und GeträumteIn meinem Buch „Träumer und Geträumte“ begegnen sich zwei, die sich scheinbar schon kennen. Doch als Anna ihren geheimnisvollen Steff wiedersehen will, ist er verschwunden. Noch schlimmer: Keiner weiß überhaupt von seiner Existenz. Es ist, als habe sie die Begegnung mit ihm nur geträumt. Kann das Ganze damit zu tun haben, dass sie jede Nacht aufwacht und immer skurrilere Sachen erlebt?

Annas und Steffs Fußspuren verlaufen parallel durch die Welt des Alltags und des Traumes. Immer mehr überlagern sich mit der Zeit die Ebenen. Die Welt des Traums ist jedoch das wahre Terrain von Steff, die Welt, in der er schon länger auf Anna gewartet hat. Und in dieser Welt ist alles möglich.

Träumer und Geträumte erzählt von der Vielschichtigkeit unserer Persönlichkeit und unseres Bewusstseins. Es ist wie ein Trip durch die Landschaften einer Welt, die groß, weit … traumhaft ist.

Ebenfalls veröffentlicht unter dem Namen Lilly Kanexo.

Leseprobe aus dem Buch

[…]

 

Das Leben ist ein negativer Ausdruck des Lebens an sich. Wir sehen immer nur eine Seite. Wenn auch alles real erscheint, bleibt doch immer etwas Wichtiges verborgen.

*

Das Gefühl, das etwas fehlte, etwas nie richtig ganz gewesen war, das quälte sie schon lange. Wann hatte es aufgehört, das zu sein, was es anfangs war, als sie noch ein Kind war? Wer hatte letzte Nacht noch die Schleier gelüftet, um die dunkle Nacht der Normalität zu durchstarren. Es waren schon Blumen erblüht, ohne dass ihre Blüten im Herbst abgefallen wären.

*

Der Eimer baumelt leise an seinem Seil über dem durchsichtigen Brunnen, der jetzt mit rotem Wasser gefüllt ist. Er hat damit eine ganz andere Wirkung, wirkt beinahe monströs, auf gewisse Weise auch archaisch. Anna geht um ihn herum, gegen den Uhrzeigersinn, den linken Zeigefinger am Beckenrand entlanggleiten lassend, Runde für Runde, langsam und versunken in ein wohliges Gefühl der Gedankenlosigkeit. David sitzt in einiger Entfernung auf dem Boden und skizziert die Szene mit Kohle auf ein Blatt Papier. Er will die Bewegung einfangen, das Zirkeln, die Drehung. Er versucht, Annas Form zu erfassen, ihre geschmeidige Linie, die Leichtigkeit ihres Körpers, die Kraft, die er ausstrahlt und die ihn als jeden möglichen Punkt im Kreis erscheinen lässt.

Erfüllt von einer schonungslosen Leidenschaft, die seinen Körper und sein ganzes momentanes Erleben beherrscht, setzt er immer wieder neu an, nimmt sich Blatt um Blatt, um ein bestimmtes Maß an Perfektion zu erreichen, das sich in seinem Kopf schon manifestiert hat.

Irgendwann, nach etlichen Versuchen, wird sein Blick entspannter, einen Anflug von Zufriedenheit ausstrahlend. Doch als er wieder zu ihr herüber schaut, überschwemmt ihn abermals Enttäuschung über die unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Bildern, die er sieht, die niemals wirklich eins zu werden scheinen. Ungeduld staut sich in ihm auf. Hektisch, bald fieberhaft zittert seine Hand über das Papier, reißt, zerknüllt, schleudert es von sich und verfängt sich so selbst in der Drehung, im Zirkeln der Situation, die nicht enden will.

Nach einem besonders misslungenen Versuch stöhnt er lautstark auf, so dass Anna augenblicklich aus ihrer Versunkenheit gerissen wird und stehenbleibt. Mit weit aufgerissenen Augen blickt sie ihn an, als sehe sie ihn zum ersten Mal.

Er lässt sich entmutigt auf den Rücken fallen, die Hände klatschen dabei laut auf den Boden.

«Liebst du mich?» fragt er nach einigen Minuten der Stille mitten in den Raum hinein, einen klagenden Unterton in der Stimme.

Sie antwortet: «Ja», und es klingt unbestimmt und gedankenlos.

«So sehr wie ich dich?» fragt er düster zurück.

«Nicht auf die gleiche Weise wie du.»

«Ich weiß, ich weiß», haucht er, plötzlich den Tränen nahe, «du wirst immer göttlich sein und ich ein Narr».

Sie lacht schrill. Sie weiß keine Antwort auf solch eine monumentale Aussage, und da ihr klar ist, dass David nicht ohne Theatralik leben kann, überlässt sie sich dem Lachen, was ihm grausam erscheint, und ihr schließlich, zum eigenen Erstaunen, doch noch eine Idee in den Bauch legt.

«Das ist doch beides dasselbe!» stößt Anna in einem luftholenden Moment hervor.

Er hebt überrascht den Kopf, setzt sich auf, starrt ins Leere, während er überlegt. Sie verstummt. Wie er so dasitzt, erinnert er sie an ein verstörtes Kind. Sie will ihm über das Haar streichen und gleichzeitig verspürt sie den Impuls, ihn zu kratzen und zu beißen. Wie aus einem anderen Raum, einer anderen Zeit spricht er dann laut und deutlich, als säße er tatsächlich auf einer Bühne:

«Jahh, du hast wirklich Recht, das ist ungeheuerlich!»

Anna läuft ein Schauer über den Rücken. Sie läßt sich auf alle Viere nieder und schleicht zu David herüber wie eine Katze.

«Jahh, ungeheuerlich», macht sie ihn nach.

Er nimmt ihren Kopf in die Hände und steckt lüstern und gierig seine Zunge in ihren Mund. Seine Hände greifen um ihren Körper, als er plötzlich wie vom Blitz getroffen von ihr ablässt. Wie versteinert guckt er sie an.

«Was ist denn?», fragt sie ungewöhnlich gelassen und fast neckisch. Sie macht einen perfekten Katzenbuckel.

«Einen Moment hatte ich die Einbildung, dass ich über Fell streichen würde», flüstert er immer noch entgeistert.

Sie lacht abermals. Ein fremder Klang liegt in ihrer Stimme. Er erkennt sie nicht wieder.

*

Er fährt hinter der letzten Straßenbahn her, trödelnd, wartet, als sie an die Haltestelle kommt und klopft verträumt mit den Fingern einen Rhythmus auf das Lenkrad. Ein einzelner Fahrgast steigt aus.

Es ist schon spät. Die Stadt ist um diese Zeit nicht mehr belebt, nur im Zentrum ballt sich die Vergnügungslust der Bewohner zu einem ziemlichen Treiben. Vereinzelt sind noch Imbissbuden geöffnet. Er fährt, einem plötzlichen Impuls folgend, bei einem Griechen vor. Als er aussteigt, blickt er direkt auf ein Plakat, das ein Gesicht zeigt, das seinem kaum ähnlich ist. Doch er weiß sofort, daß es sich um ihn handeln soll.

Er geht näher heran. Ein zärtliches Lächeln legt sich auf seine Lippen. Er berührt das Plakat am äußeren Rand mit den Fingerspitzen. Seine Gedanken fliegen ihm davon. Eine unbeschreibliche Sehnsucht packt ihn und zieht ihn in tiefes dunkles Wasser, das ihn warm und traurig umspült.

Er dreht sich um, damit er das Bild nicht mehr sehen muss, lehnt sich mit dem Rücken dagegen, schaut hinauf in den dunklen Nachthimmel, an dem kein Stern, kein Mond zu sehen ist. Mit geschlossenen Augen sucht er sie, streift durch dunkle Tunnel, gleißendes Licht, zerschellt an einer Kante und setzt sich an der nächsten wieder zusammen, um schließlich folgende Aussicht zu genießen: Anna tanzend um einen goldenen Brunnen, nackt.

*

Der Cadillac, weiß wie Schnee, überfährt die Schwelle zum Morgen. Die Berge in der Ferne nehmen eine glühende errötende Färbung an. Die beiden Personen im Fahrzeug, nennen wir sie Jeff und Anita, werfen sich vielsagende Blicke zu.

«Gleich kommen wir durch», sagt er zu ihr.

Und kaum hat er die Worte ausgesprochen, legt sich etwas, wie eine dunstige Wolke um sie, die ihnen kurz die Sicht versperrt, um gleich darauf das Bild einer vollkommen andersartigen Landschaft preiszugeben: dunkelgrüne, hohe Tannenwälder zu beiden Seiten, die Fahrt aufwärts, kühle, aber klare Sommerluft irgendeiner Hochebene in einem der beiden Teile Amerikas.

*

3:20 Uhr. Ich bin aufgewacht mit dem roten Stein in meiner Hand. Es erscheint mir kaum merkwürdig, obwohl ich genau weiß, daß ich den Stein nicht beim Einschlafen in der Hand hielt. Eingehend betrachte ich die weiße Maserung im Rot des Gesteins. Sie sieht jetzt aus wie eine Landkarte. Eine breitere Linie führt klar erkennbar durch ein Labyrinth von dünneren Linien. An einer Stelle macht sie eine scharfe Kurve nach links, ansonsten verläuft sie leicht gebogen, als sei sie Teil eines größeren Kreises. Und während ich den Stein betrachte, versuche, mir das Muster einzuprägen, sehe ich mich unvermittelt in einem offenen Wagen sitzen, auf dem Beifahrersitz. Am Steuer ist jemand, den ich kenne, aber ich kann ihn jetzt nicht sehen. Wir fahren schnurstracks eine lange schattige Allee entlang und erreichen bald ein schönes Wohnviertel. Vor einem weißen, zweistöckigen Haus, das hinter einer ausladenden Eiche versteckt liegt, machen wir Halt. Ich habe das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein, kann mich aber nicht entsinnen, wann. Als wir in das Haus eintreten, wird meine Sicht plötzlich klarer, als habe sich etwas wie ein Dunst in der Luft aufgelöst.

Die Frau, die uns empfängt, hat ein ungemein ansteckendes Lachen, und wir fühlen uns sehr wohl bei ihr. Sie weist uns an, ein Zimmer im oberen Stock zu nehmen und dann wieder zu ihr herunter zu kommen. Wir steigen die Treppe hinauf, viel weiter, als ein Stockwerk entfernt sein kann. Die Stufen enden in einem langen Gang. Etliche Türen flankieren den Gang, und weitere schmalere Gänge gehen davon ab. Vergebens suchen wir unser Zimmer.

Bald haben wir uns verlaufen. Da fällt mir der Stein ein, der rote Stein, ich halte ihn in der Hand, ohne es gewusst zu haben. Wir fahren die Hauptlinie mit unseren Fingern auf dem Rot nach. Unsere Füße ahmen den Weg, den wir sehen, nach. An einer Stelle müssen wir so scharf nach links biegen, dass es uns vorkommt, als würden wir wieder im Bogen zurückgehen.

* (…)

Den Stein immer noch in der Hand, gehen sie jetzt rückwärts den langen Gang wieder zurück und sehen, wie die Zeit an ihnen vorbeirauscht, in die Richtung, in die sie schauen. Ihre Münder sind vor Staunen weit geöffnet. Es ist ein starker Sog, der sie nach hinten zieht, sie können nichts dagegen machen.

Das Ganze geht so schnell, dass sie die Geschehnisse, die an ihnen vorüberhuschen, kaum erfassen können. Doch dann geschieht das wirklich Unglaubliche: ein Luftstoß oder etwas Ähnliches verursacht ein Stocken in ihrer Atmung, woraufhin diese anders abläuft. Keiner der beiden könnte sagen, was genau anders daran ist, aber es kommt ihnen vielleicht so vor, als fühle sich das Einatmen wie ein Ausatmen und das Ausatmen wie ein Einatmen an. Mit diesem Umschwung in ihrem Brustkorb hat sich auch das Treiben um sie herum verändert: die Zeit rast jetzt mit aller Geschwindigkeit auf sie zu, obwohl die beiden immer noch rückwärts gehen.

Plötzlich erscheint die Frau des Hauses vor ihnen. Es sieht aus, als schwebe sie auf sie zu. Als sie vor den beiden angelangt ist, hält sie die Luft an und ruft knapp:

«Ihr müsst euch beeilen, sonst kommt ihr nicht mehr aus dem Haus!»

Und schon muß sie Atem holen und wird an ihnen vorbeigezogen.

Das Mädchen versucht verzweifelt, sich an einem herannahenden Treppengeländer festzuhalten. Der rote Stein in ihrer Hand fällt dabei fast zu Boden. Sie drückt ihn intuitiv fest an ihren Bauch, und abrupt und in Begleitung eines Funkenschwalls, als schleiften zwei Gegenstände in großer Geschwindigkeit aneinander, bringt sie dadurch ihr unfreiwilliges Schnellen durch Raum und Zeit zum Stillstand. Beinahe schießt ihr Gefährte an ihr vorüber, doch sie kann seine Hand gerade noch fassen und ihn ebenfalls zum Stehen bringen.

Erschöpft, schweißgebadet liegen sie am Straßenrand. Die Kühlerhaube ist an einer Seite von der Leitplanke ziemlich aufgerissen.

*

Wie kleine Schneeflocken
fallen Lichter auf sie hinab.
Die Nacht hat ihr Gewölbe geöffnet,
und es fällt alles, was sie hat, ein in ihren Schlaf.
All ihr Kinder, die ihr schlaft, träumt: erwacht!

 

Anna legt den Pinsel zur Seite und betrachtet zufrieden ihr Bild. Der Hintergrund besteht aus einem funkelnden, chaotischen Weltall, tief dunkelblau mit glitzernden bunten Sternen und linsenförmigen Wirbeln darin. Eine grüne Schlange windet sich im Vordergrund zwischen großen gelblichen Eiern, die alle untereinander durch ein helles leuchtendes Band verbunden sind. An den beiden Enden ist die Schlange ebenfalls mit dem Netzwerk in Kontakt.

Ananta, schreibt Anna in kleinen Lettern in die rechte untere Ecke des Bildes und klatscht in die Hände.

Auf dem Balkon wird es langsam kühl. Ein leichter Wind erhebt sich mit dem Abend. Auf den Kacheln haben sich in den Ecken einige vertrocknete Blätter gesammelt, darunter ist immer noch der gelbe Staub zu sehen. Die Birke rauscht verschworen in der Brise und fesselt Annas Aufmerksamkeit. Ihr Stamm ist noch heller, als man es von anderen Birken kennt. Ihre Äste sind zart, fast zerbrechlich, doch sie hält jedem Sturm ohne große Mühe stand. Sie scheint elastisch, wie aus Gummi zu sein. Ihre Form ist so gleichmäßig, daß sie beinahe perfekt symmetrisch wirkt. Alle Zweige zeigen leicht nach oben und bilden in ihrer Gesamtheit eine Tannenzapfenform. Anna ist jedes Mal erneut fasziniert von der Schönheit dieses Baumes.

Sie sammelt ihre Malutensilien ein und geht in die Wohnung. Gerade, als sie die Balkontür hinter sich geschlossen hat, klingelt das Telefon.

«Hallo?» ertönt eine Stimme wie aus einem blechernen Rohr.

«Wer ist da?» fragt Anna zurück und weiß im gleichen Augenblick, daß es Steff ist. Erst im Nachhinein wird ihr zu Bewußtsein kommen, wie paradox und unglaublich die Situation ist. Vorläufig, jedoch, klopft ihr Herz nur mit jedem Schlag schneller.

«Wie geht es dir?» hört sie seine tiefe Stimme fragen. Es schwingt eine gewisse Dringlichkeit darin mit und Anna beeilt sich zu antworten:

«Gut, aber wo bist du? Können wir uns sehen? Ich vermisse dich so.»

Die Worte kommen wie aus der Pistole geschossen. Er lacht kurz und ruft dann laut und etwas verzweifelt:

«Annahhhh», zieht den Namen in die Länge, «ich vermisse dich auch…ungemein.»

Er seufzt leise. Einen Moment ist es ruhig. Dann, als sei er sich der Flüchtigkeit des Moments bewußt, fügt er schnell hinzu:

«Bald werden wir uns sehen, ganz bestimmt. Gib nicht auf!»

Die letzten Worte klingen anders, ganz nah, als habe er neben ihr gestanden.

Sie horcht: das Telefon ist tot.



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